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Siegfried

Eine schwarze Idylle, Roman

Erschienen am 17.09.2001
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Bibliografische Daten
ISBN/EAN: 9783446200906
Sprache: Deutsch
Umfang: 192 S.
Format (T/L/B): 1.7 x 21 x 13.2 cm
Einband: gebundenes Buch

Beschreibung

Zwei Hausangestellte vom Obersalzberg, Hitlers Refugium, erzählen eine unglaubliche Geschichte: Adolf Hitler und Eva Braun hatten einen Sohn, Siegfried, den Hitler gegen Ende des Nationalsozialismus erschießen ließ. Ein spannender Roman, der nach der Ursache des Bösen sucht.

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Carl Hanser Verlag GmbH & Co.KG
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Kolbergerstr. 22
DE 81679 München

Autorenportrait

Harry Mulisch, geboren 1927 in Haarlem, schrieb Romane, Erzählungen, Gedichte, Dramen, Opernlibretti, Essays, Manifeste und philosophische Werke. Er starb 2010 in Amsterdam.

Leseprobe

Der Mann wartete kurz auf eine nähere Erklärung; als die ausblieb, holte er den Müllbeutel aus einem Küchenschrank und verschwand wortlos. Ruhe setzte ein, die Herter mit Absicht nicht störte. Für die meisten Lebenden war Hitler inzwischen nur noch eine Figur aus Actionfilmen oder Komödien, doch diese beiden, Julia und Ullrich Falk, steckten noch voller Erinnerungen an die versunkene Zeit, sie waren dabeigewesen, für sie war alles wie gestern, und sie konnten noch endlos über ihn weitererzählen, und sei es auch nur, um das, was sie eigentlich sagen wollten, hinauszuzögern. Als die Stille peinlich zu werden begann, passierte, was Herter erhofft hatte. Die beiden wechselten einen Blick, und dann stand Falk auf und sah kurz auf dem Gang nach, ob niemand an der Tür lauschte. Er setzte sich wieder hin und sagte: "Eines Tages, im Mai achtunddreißig, kurz nach dem Anschluß, kamen Gäste; zusammen mit Frau Mittlstrasser, der Gattin des Hausmeisters, deckten wir gerade den Tisch für das Mittagessen. Das mußte immer sehr sorgfältig geschehen, denn manchmal kniete der Chef sich hin und kontrollierte mit einem zugekniffenen Auge, ob alle Gläser sauber in einer Reihe standen." "Das war sein architektonischer Blick", nickte Herter. "Auf diese Weise betrachtete er auch Speers Modelle von Germania und seine in Formation angetretenen Truppen." "Plötzlich erschien Linge im Speisesaal und meldete, der Führer wolle uns sprechen." "Linge?" fragte Herter. "Das war der Nachfolger von Krause." "Wir waren zu Tode erschrocken", sagte Julia. "Wenn er etwas von uns wollte, rief er immer selbst an, wir wurden nie offiziell zu ihm gerufen." Oben, in seinem Arbeitszimmer, wo er mit Schreien und Drohungen ganze Länder in die Knie gezwungen hatte, saß eine kleine Gesellschaft auf der breiten Couch und in den Sesseln: der Chef und Fräulein Braun, Bormann, der massige Hofmarschall Brückner und der Hausmeister, auch ein Offizier. Ängstlich blieben die beiden stehen; die Spannung in dem Zimmer war greifbar, doch Brückner gab Linge Order, zwei Stühle aus der Bibliothek zu holen. Das war auf jeden Fall beruhigend, machte die Situation jedoch nur noch unerklärlicher. Was sollten sie beide, zwei untergeordnete Hausangestellte in den Zwanzigern, bei all den hohen Herren? Als sie auf den geraden Bauernstühlen Platz genommen hatten, warf Brückner Linge einen unmißverständlichen Blick zu, der ihm befahl, das Zimmer auf der Stelle zu verlassen. Während seine zierliche Hand auf dem Nacken Blondis ruhte, die mit gespitzten Ohren neben seinem Sessel saß wie ein stolzes Wesen aus einer anderen, unschuldigeren Welt, sagte Hitler, dies sei zweifellos der wichtigste Tag in ihrem Leben, denn er habe beschlossen, eine welthistorische Aufgabe auf ihre Schultern zu legen. Er schwieg einen Moment und sah zur Chefin, die blaß zwischen den beiden Offizieren Brückner und Mittlstrasser auf der Couch saß. "Herr Falk, gnädige Frau", sagte Hitler förmlich, "ich werde Ihnen ein Staatsgeheimnis verraten: Fräulein Braun erwartet ein Kind."

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